Wer im SMB-Umfeld Fernwartung betreibt, kennt das Ritual: Jedes Jahr im Herbst flattert die Preiserhöhung von TeamViewer oder AnyDesk ins Haus, Lizenzmodelle werden umstrukturiert, “Business” wird zu “Premium”, “gleichzeitige Sitzungen” werden neu gezählt. Für viele Systemhäuser und interne IT-Teams ist das längst zum planbaren Reibungspunkt geworden — und die Frage, ob es auch ohne Vendor-Lock-In geht, ist nicht mehr theoretisch. RustDesk ist die derzeit ernstzunehmendste Antwort aus dem Open-Source-Lager: ein voll self-hostbarer Fernwartungsstack, der sich technisch auf Augenhöhe mit den kommerziellen Platzhirschen bewegt.
Dieser Artikel vergleicht RustDesk (Version 1.4.x, Stand 2026), AnyDesk und TeamViewer nicht als Marketing-Battle, sondern aus Sicht der Praxis: Wie sieht ein produktives Self-Hosting-Setup aus, wo sind die harten Grenzen, und wann ist es ehrlicher, doch eine kommerzielle Lizenz zu kaufen.
Warum die Diskussion 2026 anders läuft als 2022
Vor drei, vier Jahren war die Antwort auf “Fernwartung im Mittelstand” fast reflexartig TeamViewer — eventuell AnyDesk als günstigere Alternative. Die Debatte hat sich verschoben. RustDesk hat mit den 1.3- und 1.4-Releases die aus unserer Sicht wichtigsten Praxislücken geschlossen: stabile Unattended-Access-Rechteverwaltung, Address Book mit Rollen, funktionierendes File-Transfer-Delta, brauchbare Web-Console für den Server. Gleichzeitig sind die kommerziellen Anbieter teurer und in ihren Nutzungsbedingungen restriktiver geworden — Stichwort “kommerzielle Nutzung erkannt” bei eigentlich privaten Verbindungen.
Für ein Systemhaus wie uns bedeutet das: RustDesk ist inzwischen tauglich für den Großteil klassischer Remote-Support-Fälle. Die kommerziellen Tools bleiben stark bei sehr spezifischen Anforderungen, die weiter unten Thema sind.
Wie RustDesk technisch aufgebaut ist
RustDesk besteht aus drei Komponenten, die man alle self-hosten kann:
- hbbs (ID Server / Rendezvous Server, Port 21114-21116): Vermittelt die Verbindung zwischen Client und Zielrechner, verwaltet die numerische ID.
- hbbr (Relay Server, Port 21117): Übernimmt den Traffic, wenn kein direkter P2P-Tunnel möglich ist — typischer Fall hinter symmetrischem NAT.
- rustdesk-server-pro (optional, kostenpflichtig): Fügt Web-Console, LDAP/OIDC-Anbindung, Address Book, Session Recording, Audit-Log und Multi-Tenant-Verwaltung hinzu.
Die Open-Source-Variante (hbbs + hbbr) ist für kleine Teams völlig ausreichend. Für alles ab ca. 10 Technikern oder mit Compliance-Anforderungen lohnt die Pro-Lizenz — die liegt aktuell bei ca. 20 USD pro Techniker/Monat und ist damit deutlich unter AnyDesk oder TeamViewer.
Minimaler Docker-Compose für den self-hosted Stack
services:
hbbs:
image: rustdesk/rustdesk-server:latest
container_name: rustdesk-hbbs
command: hbbs -r rustdesk.ihre-domain.de:21117
ports:
- "21114:21114"
- "21115:21115"
- "21116:21116"
- "21116:21116/udp"
volumes:
- ./data:/root
restart: unless-stopped
networks: [rustdesk-net]
hbbr:
image: rustdesk/rustdesk-server:latest
container_name: rustdesk-hbbr
command: hbbr
ports:
- "21117:21117"
- "21118:21118"
- "21119:21119"
volumes:
- ./data:/root
restart: unless-stopped
networks: [rustdesk-net]
networks:
rustdesk-net:
driver: bridge
Sinnvoll ist ein reverse-proxy davor (Caddy oder Traefik) für TLS auf den Web-Ports und ein separater Public-DNS-Eintrag (rustdesk.ihre-domain.de). Der Server passt problemlos auf eine 2-vCPU/2-GB-VM — unser Referenz-Setup für Kunden läuft auf einer kleinen Proxmox-VM neben dem Proxmox-Cluster.
Nach dem ersten Start liegt der Public Key unter ./data/id_ed25519.pub. Genau dieser Key — zusammen mit der Server-Adresse — landet in der Client-Konfiguration, entweder manuell oder als vorkonfigurierter Installer (das RustDesk-Konfigurator-Tool baut ein signiertes MSI/EXE).
Feature-Vergleich in der Praxis
Der ehrliche Vergleich sieht — ohne Marketing-Filter — so aus:
| Kriterium | RustDesk (OSS + Pro) | AnyDesk | TeamViewer |
|---|---|---|---|
| Self-Hosting möglich | Ja, komplett | Nur teilweise, “On-Premises Appliance” (Enterprise) | Tensor-Produktlinie (Enterprise) |
| Unattended Access | Ja | Ja | Ja |
| File Transfer / Clipboard | Ja | Ja | Ja |
| Session Recording | Pro | Business+ | Premium+ |
| MFA für Techniker | Pro (OIDC/LDAP) | Ja | Ja |
| Address Book / Gruppen | Pro | Ja | Ja |
| Multi-Tenant Mandanten | Pro | Nein, nur Teams | Teilweise |
| Mobile Support (Zugriff auf Android/iOS) | Android voll, iOS View-only | Ja | Ja |
| Wake-on-LAN via Peer | Ja | Ja | Ja |
| Lizenzkosten pro Techniker/Monat 2026 | ~20 USD (Pro) | ab ~35 EUR | ab ~40 EUR |
| Vendor-Lock-In | Keiner (Daten liegen bei Ihnen) | Hoch | Hoch |
Was in der Tabelle nicht steht, aber im Alltag zählt: RustDesk ist bei Verbindungsaufbau eine Spur langsamer als AnyDesk, insbesondere beim ersten Handshake über den Relay. In stabilen Netzwerken (P2P möglich) sind die Unterschiede in der Latenz kaum mehr messbar. In unseren Kundenprojekten sehen wir typischerweise nach ein bis zwei Wochen Umstellung keine Beschwerden mehr aus dem Helpdesk — die größeren Reibungspunkte sind Client-Rollout und Nutzergewöhnung, nicht die Performance.
Wo RustDesk (noch) nicht hinreicht
Es wäre unehrlich, RustDesk als Allheilmittel zu verkaufen. Drei Szenarien, in denen wir weiterhin zu kommerziellen Lösungen raten:
- Multi-Tenant-Support mit sauberer Mandantentrennung: Wer als MSP für viele Kunden gleichzeitig Fernwartung anbietet und pro Kunde getrennte Adressbücher, Techniker-Berechtigungen und Session-Recordings braucht, findet in TeamViewer Tensor oder AnyDesk Business die ältere und ausgereiftere Mandantenlogik. RustDesk Pro kann das inzwischen, aber die Kanten sind sichtbarer.
- Session Recording mit Compliance-Anspruch: RustDesk Pro nimmt Sitzungen auf, aber die Aufzeichnungen sind nicht signiert und nicht revisionssicher. Wenn ein Kunde nach BAIT/DORA-Anforderungen einen Audit-Trail braucht, ist TeamViewer aktuell die sicherere Wahl.
- Zugriff auf iOS mit Screen Control: Apple erlaubt echtes iOS-Screen-Control nur zertifizierten Partnern — RustDesk hat hier View-only, TeamViewer und AnyDesk bieten volle Steuerung.
Alles andere — klassischer Windows/Linux/Mac-Support, Unattended-Zugriff auf Server, gelegentlicher Android-Support — deckt RustDesk sauber ab.
Sicherheitsarchitektur und was Sie am OPNsense freigeben müssen
RustDesk verwendet Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mit NaCl (Curve25519 + XSalsa20 + Poly1305). Der Server sieht nur verschlüsselten Traffic, selbst wenn er relayed. Wichtig: Der öffentliche Schlüssel des Servers muss im Client hinterlegt sein, sonst warnt der Client vor unbekanntem Peer — das ist ein Feature, kein Bug.
Am OPNsense müssen für den self-hosted Server folgende Ports nach außen freigegeben werden:
21114/tcp # Web-Console (nur intern oder hinter Reverse Proxy!)
21115/tcp # NAT type test
21116/tcp # ID/Rendezvous
21116/udp # ID/Rendezvous (Punch-Hole)
21117/tcp # Relay
21118/tcp # Websocket (optional)
21119/tcp # Websocket TLS (optional)
Wer die Web-Console (21114) exponiert, sollte sie zwingend hinter einen Reverse Proxy mit TLS und idealerweise Basic-Auth oder Client-Cert setzen. Empfehlung für den Betrieb: Backup der ./data/-Volumes täglich per Backup-Konzept, inkl. der .pub- und .priv-Keys, denn ein Verlust des Server-Keys bedeutet Neuenrollment aller Clients.
Migrationspfad für bestehende TeamViewer/AnyDesk-Umgebungen
Der pragmatische Weg, den wir bei Kunden fahren:
- Phase 1 (2 Wochen): RustDesk-Server parallel aufsetzen, Techniker-Team migriert eigene Arbeitsgeräte und Test-Clients.
- Phase 2 (4-6 Wochen): Rollout neuer Clients bekommt vorkonfigurierten RustDesk-Installer, alte Systeme behalten TeamViewer/AnyDesk parallel.
- Phase 3: Ablauf der alten Lizenz nicht mehr verlängern, Restsysteme via Fernwartungssitzung umziehen.
In Zahlen: Ein 15-Techniker-Team spart mit dem Wechsel auf RustDesk Pro bei uns typischerweise 6.000 bis 9.000 EUR pro Jahr gegenüber vergleichbarem TeamViewer- oder AnyDesk-Business-Setup — bei nahezu gleichem Funktionsumfang für den Alltag. Der einmalige Aufwand für Server-Setup, Client-Rollout und interne Schulung liegt bei uns zwischen 2 und 5 Beratertagen, abhängig von der Größe und Verteiltheit der Umgebung.
Fazit
RustDesk ist 2026 im SMB-Umfeld angekommen. Wer keine sehr spezifischen Multi-Tenant- oder Compliance-Anforderungen hat, bekommt mit einem sauber aufgesetzten self-hosted Stack (idealerweise Pro-Lizenz ab 10 Technikern) eine Fernwartungslösung, die technisch mithalten kann und die Datenhoheit im Haus behält. Für alles darüber hinaus — MSP-Multitenancy, revisionssichere Aufzeichnung, iOS-Steuerung — bleiben TeamViewer und AnyDesk die passendere Wahl, und das ist völlig in Ordnung.
DATAZONE unterstützt Sie beim Aufbau eines self-hosted RustDesk-Servers auf Proxmox oder Docker, bei der Absicherung über OPNsense und beim geordneten Rollout in bestehende TeamViewer- oder AnyDesk-Umgebungen. Sprechen Sie uns an — wir schauen mit Ihnen, ob RustDesk für Ihr Setup die richtige Antwort ist oder ob eine kommerzielle Lizenz mehr Sinn ergibt.
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