Seit der Übernahme von VMware durch Broadcom im November 2023 ist das Lizenzmodell vollständig umgebaut: weg vom Perpetual-Modell, hin zu Subscription-Bundles mit Mindestabnahme. Anfang 2024 trafen die ersten Renewal-Briefe ein, seitdem ist das Thema in jeder zweiten Mittelstands-Beratung präsent. Knapp zweieinhalb Jahre später ist die Lage stabil — und nicht zu Gunsten kleinerer Kunden.
Dieser Artikel verzichtet bewusst auf erfundene Zahlen. Stattdessen: was wir bei DATAZONE in Beratungsgesprächen tatsächlich sehen, wie das aktuelle Lizenzmodell strukturell aussieht und welche Alternativen für den Mittelstand realistisch sind.
Das Lizenzmodell 2026 — Strukturüberblick
Broadcom hat das frühere Portfolio (ESXi, vCenter, vSAN, NSX, Tanzu als einzeln lizenzierbare Produkte) auf zwei Subscription-Bundles eingedampft:
| Bundle | Inhalt | Zielgruppe |
|---|---|---|
| VMware vSphere Foundation (VVF) | vSphere, vCenter, Aria Operations, Tanzu Kubernetes-Grundlage | Mittelstand, klassische Virtualisierung |
| VMware Cloud Foundation (VCF) | VVF + vSAN + NSX + voller Aria-Stack | Enterprise, Private-Cloud-Stack |
Strukturelle Änderungen, die für KMU am stärksten durchschlagen:
- Pflicht-Subscription: Perpetual-Lizenzen werden nicht mehr verkauft. Bestandskunden mit ewigen Lizenzen verlieren mit dem Ende ihres Support-Vertrags den Zugang zu Updates und Security-Patches.
- Mindestkern-Abnahme: Aktuell 16 Kerne pro CPU als Floor — auch wenn die tatsächliche CPU weniger Cores hat. Bei kleinen Hosts mit z.B. 8-Core-Xeons wird ein zweistelliger Aufschlag fällig.
- Bundle-Pflicht: Einzelprodukte (z.B. nur vSphere Standard) sind in der Form nicht mehr im Hauptprogramm. Wer nur Hypervisor + vCenter wollte, muss VVF kaufen — also auch Aria-Komponenten, die er nicht braucht.
- Channel-Reduktion: Viele kleinere Reseller haben ihre VMware-Authorisierung verloren oder freiwillig abgegeben. Beschaffung läuft über deutlich weniger Anbieter.
Wer die exakten Stand-2026-Listenpreise wissen will, sollte sie direkt vom autorisierten Broadcom-Partner einholen — wir nennen hier bewusst keine Beträge, weil die Konditionen sich pro Kunde und Region unterscheiden und Listenpreise nicht mit Endkundenpreisen identisch sind.
Was wir in Beratungen tatsächlich sehen
Bei DATAZONE führen wir typischerweise Beratungsgespräche mit Mittelstands-IT-Verantwortlichen, die zwischen 2 und 20 ESXi-Hosts betreiben. Die wiederkehrenden Muster:
Muster 1: Renewal-Schock nach 3-Jahres-Vertrag Kunden, deren letzter Mehrjahres-Vertrag 2024/2025 ausgelaufen ist, sehen beim Renewal-Angebot eine drei- bis vierstellige prozentuale Steigerung gegenüber dem alten Vertrag. Die häufigste Beratungsfrage: “Ist das ein Verhandlungs-Angebot oder echte Forderung?” — Antwort: meist echt, mit begrenztem Verhandlungsspielraum für Mehrjahres-Commitments.
Muster 2: Mini-Cluster-Effekt 3-Node-ESXi-Cluster mit kleinen CPUs (8–12 Cores pro Socket) sind durch die 16-Core-Mindestabnahme stark betroffen. Sie zahlen für Kerne, die sie physisch nicht haben.
Muster 3: Verlust des Reseller-Vertrauens Wo der bisherige IT-Dienstleister seine Broadcom-Autorisierung verloren hat, kommt zusätzlich der Wechsel des Beraters dazu. Das verdoppelt unter Umständen den Aufwand der Migration: gleichzeitig neue Plattform und neuer Partner.
Muster 4: Zwang zur Strategie-Entscheidung Kunden, die VMware seit zehn Jahren als “läuft halt” hatten, müssen plötzlich eine echte Plattform-Strategie entwickeln. Das ist anstrengend, aber langfristig gesund.
Realistische Alternativen für den Mittelstand
Drei Wege sind in der KMU-Praxis tatsächlich tragbar — alle haben Vor- und Nachteile:
Alternative 1: Migration auf Proxmox VE
Proxmox VE ist die offensichtlichste Open-Source-Alternative und seit Jahren produktionsreif. Die DATAZONE-Migrations-Praxis seit 2024 zeigt: für klassische KMU-Virtualisierung deckt Proxmox 9.x den Funktionsumfang von vSphere Standard zu 95% ab. Wo Lücken bleiben, sind es meist Themen, die ein KMU ohnehin nicht aktiv nutzt (Distributed Switch in komplexen NSX-Konfigurationen, EVC-Cluster-Migrationen, vRealize-Suite-Tooling).
Stärken:
- Keine Lizenz-Subscription, optionaler Support-Vertrag
- Aktive deutsche Community, Hersteller in Österreich
- Volle ZFS-, Ceph- und SDN-Funktionen ohne Aufpreis-Module
- Native TrueNAS-Integration seit Anfang 2026
Schwächen:
- Migrationsaufwand pro VM real (Disk-Conversion, Konfigurations-Übertrag)
- HA-Cluster-Konfiguration setzt Wissen voraus, das nicht jedes IT-Team mitbringt
- Kein 1:1-Replacement für DRS — der Dynamic Load Balancer in PVE 9.2 ist solide, aber jünger als DRS
Wann sinnvoll: Bei 3 bis ~30 Hosts, klassischer VM-Last (Windows-Server, Datenbanken, Linux-Workloads). Migration plant DATAZONE typischerweise in 4–12 Wochen, abhängig von Cluster-Größe und Komplexität.
Alternative 2: Wechsel auf Hyper-V
Wer überwiegend Windows-Server-Workloads fährt und ohnehin Microsoft-Lizenzen breit einsetzt, kann Hyper-V als Plattform sinnvoll prüfen. Lizenzkostenmäßig “umsonst” ist Hyper-V dabei nicht — die Windows-Server-Datacenter-Lizenz pro Host ist nicht trivial, deckt dann aber Live-Migration, Failover-Cluster und alle aktuellen Hyper-V-Features.
Stärken:
- Reine Microsoft-Stack-Integration (Active Directory, System Center, Azure-Hybrid)
- Bekannte Verwaltungstools, Lernkurve für Windows-Admins gering
- Stabile Live-Migration und Failover-Cluster-Mechanismen
Schwächen:
- Linux-Workloads laufen, aber sind nicht das Lieblings-Habitat
- Storage-Stack (S2D, CSV) komplexer als Proxmox-ZFS/Ceph
- Microsoft-Lizenz-Strategie selbst ist nicht statisch — siehe ohnehin laufende Microsoft-365-Diskussion
Wann sinnvoll: Wenn die Infrastruktur ohnehin Microsoft-zentriert ist und es starke organisatorische Gründe gegen Open Source gibt.
Alternative 3: Bei VMware bleiben — kontrolliert
Bei VMware bleiben ist eine legitime Option, wenn:
- Die Workload ist business-kritisch und an spezifische VMware-Features gebunden (z.B. SRM-Replication, NSX-Mikrosegmentierung, Aria-Operations-Reports für Compliance)
- Die Renewal-Verhandlung führt zu Konditionen, die mit der Migrations-Total-Cost-of-Ownership vergleichbar sind
- Die interne IT hat keine Kapazität für eine Plattform-Migration in den nächsten 12 Monaten
Wichtig: “Bei VMware bleiben” sollte eine bewusste, dokumentierte Entscheidung sein — nicht “wir machen erstmal nichts und schauen 2027 wieder hin”. Die nächste Preisrunde kommt.
Entscheidungsmatrix
Realistische Entscheidungshilfe nach Hosts und Strategie:
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| 1–2 Hosts, einfache VM-Last | Proxmox — Migration in 2–4 Wochen, ROI nach erstem Renewal |
| 3–10 Hosts, klassischer Mittelstand | Proxmox, Migration in 6–12 Wochen geplant |
| 5–15 Hosts, stark Windows-zentriert | Proxmox oder Hyper-V je nach Personalsituation |
| 10+ Hosts mit aktivem NSX/vSAN/SRM | Verhandlung mit Broadcom zuerst, parallel Pilot-Migration evaluieren |
| Compliance-Workload mit VMware-spezifischer Zertifizierung | Bei VMware bleiben, neuverhandeln, Exit-Strategie im Hintergrund vorbereiten |
| Setup hat 2–4 Hosts und läuft “irgendwie” auf Perpetual | Sofort planen — Sicherheitspatches enden mit dem Support-Vertrag |
Was eine ehrliche TCO-Rechnung berücksichtigen muss
Eine “Proxmox spart X EUR”-Rechnung ohne Migrationskosten ist nicht ehrlich. Realistische TCO-Vergleiche über 3 Jahre sollten einrechnen:
- Migrations-Aufwand: Beratung + Umstellung der Hosts + VM-Migration + Test + Schulung des IT-Teams
- Storage-Strategie: VMware-VSAN-Wegfall heißt entweder Proxmox-Ceph, klassisches SAN oder TrueNAS als externes Storage
- Backup-Anpassung: bestehende Veeam/PBS-Strategie an die neue Plattform anpassen
- Schulung und Doku-Update: Runbooks, Disaster-Recovery-Pläne, Monitoring-Templates
- Support-Vertrag der neuen Plattform: Proxmox-Enterprise-Subscription, Hyper-V-Premier oder VMware-Subscription weiter
Erfahrungswert aus DATAZONE-Migrationen: Die Migrations-Kosten amortisieren sich bei mittelständischen VMware-Kunden in der Regel innerhalb der ersten Subscription-Periode — also 3 Jahre. Bei kleinen Setups oft schneller.
Was Broadcom-Verhandlung realistisch leistet
Wir sehen in Beratungen regelmäßig: Verhandeln lohnt sich — aber nur in einem definierten Korridor. Konkret:
- Mehrjahres-Commitments (3 oder 5 Jahre) bringen typischerweise spürbare Preisnachlässe gegenüber Jahres-Subscription
- Größere Volumina (Mindestcore-Erhöhung freiwillig) bringen prozentuale Rabatte
- Glaubwürdige Alternative auf dem Tisch (z.B. dokumentierter Proxmox-Pilot) verbessert die Verhandlungsposition messbar
- Pricing nahe an alten Perpetual-Konditionen wird man nicht bekommen — das ist strategisch von Broadcom gewünscht
Wer ernsthaft verhandelt, sollte eine Walk-Away-Position definieren — also vorab wissen, ab welchem Renewal-Preis die Migration realistisch wirtschaftlicher ist.
DATAZONE-Empfehlung
Für die Mehrheit unserer Mittelstands-Kunden gilt: Proxmox-Migration jetzt planen, in den nächsten 6–18 Monaten umsetzen. Wir haben seit 2024 viele dieser Migrationen begleitet — das Muster funktioniert, die Plattform ist stabil, und der Wechsel löst neben dem Lizenzthema oft auch latente Storage-Themen mit (TrueNAS-Integration, 3-2-1-Backup, saubere Snapshot-Strategie).
Aber: Wenn Sie ein spezifisches VMware-Feature wirklich brauchen und der Renewal nach Verhandlung im akzeptablen Rahmen bleibt, ist Bleiben legitim. Wir beraten herstellerneutral — auch wenn das Argument gegen einen Migrationsauftrag spricht.
Konkrete Bewertung gefällig? Wir machen eine Standortbestimmung für Ihre Umgebung: aktueller Lizenzstand, geplante Workloads, ehrlicher Vergleich der drei Optionen oben — als Entscheidungsbasis für die Geschäftsführung. Mehr unter Erstberatung.
Weiterführende Artikel
Mehr zu diesen Themen:
Weitere Artikel
Proxmox VE 9.2 — Dynamic Load Balancer, WireGuard-SDN & Kernel 7.0
Proxmox VE 9.2 ist da: Dynamic Load Balancing für HA-Cluster, WireGuard als SDN-Fabric, Ceph Tentacle, Linux Kernel 7.0 und Custom-CPU-Modelle im GUI. Alle Highlights, Versionen, bekannte Probleme und Upgrade-Tipps.
Proxmox vs. VMware: Migration anhand eines Praxisbeispiels
Migration eines KMU-Kunden mit 30 VMs von VMware vSphere 7 zu Proxmox VE 9. Phasen, Tools, Stolpersteine und Lehren aus einer real durchgeführten Migration — ehrlich dokumentiert ohne Hochglanz-Zahlen.
Proxmox Backup Server 4.0: Was sich seit 3.x getan hat
Proxmox Backup Server 4.0 baut auf Debian 13 Trixie, Linux Kernel 6.x und ZFS 2.3 auf. Synthetic-Backup, Mountpoint-Backup, Tape-Verbesserungen und S3-Object-Store-Targets in der Pipeline. Was sich gegenüber PBS 3.x wirklich geändert hat — sachlich, aus den offiziellen Release-Notes.